Die Rekonstruktion eines mittelalterlichen Reiterschildes 

Ein Werkstattbericht (erstellt von A. Bichler)

Der Aufbau und die Konstruktionsweise mittelalterlicher Schilde wurden von Helmut Nickel bereits 1958 im Zuge seiner Dissertation eingehend bearbeitet und von Jan Kohlmorgen in seiner Publikation2, welche auf den Untersuchungen von Nickel gründet und weitgehend die erhaltenen Schilde aus der St. Elisabethskirche in Marburg behandelt, sehr gut überarbeitet und aufbereitet. Zudem beschäftigt sich ein beträchtlicher Teil seiner Ausführungen mit der Rekonstruktion und dem Nachbau eines hochmittelalterlichen Schildes für das Re-enactment3. Aus diesem Grund sollte in dem folgenden Bericht lediglich sekundär darauf eingegangen werden. Das Hauptaugenmerk lag vielmehr auf dessen heraldischer Gestaltung auf Basis der im Original erhaltenen Schilde, wobei das Wappen der Herren von Puchberg, ein goldener, offener Adlerflug auf blauem Grund dargestellt werden sollte. 
Zudem wurde versucht, nur Materialien einzusetzen, welche auch bei den Originalschilden zum Einsatz gelangten. Eine wertvolle Hilfestellung boten hierbei mittelalterliche Holzbildwerke, deren Herstellungstechnik vor allem im Zusammenhang mit der Verwendung von Kreidegrund, Farben und Metallen analog zu jenen der Schilder gesehen werden kann. Ein weiterer Grund für die folgende Arbeit war, ein Gefühl für die einzelnen Herstellungsschritte und Arbeitsvorgänge zu erhalten, welche für die Fertigung eines derartigen Schildes notwendig waren.

Die Ausgangsbasis bildete ein aus acht, 10mm dicken Holzbrettern zusammengesetzter Korpus, der mit festem, schweren Leinen bespannt wurde. Das Leinen wurde auf beiden Seiten mit Hasenleim aufgeleimt und nach einem Trockenvorgang nochmals mit Leim überstrichen, so dass zwar noch die Struktur der Leinwandbindung erkennbar war, aber sich die Poren zwischen Kette und Schuss bereits zu verschließen begannen. Nach der entsprechenden Trocknungsphase erging der Auftrag einer relativ dicken Kreidemasse, die mittels eines breiten Pinsels zügig aufgebracht werden musste, da die Masse unmittelbar nach dem Anstrich bereits oberflächlich antrocknete und dadurch bereits tiefe Riefen hinterlassen konnte. Insgesamt erforderte das Leinen einen mehrschichtigen Auftrag der Masse, bis die Struktur der Bindung vollständig verschwunden war und sich eine weitgehend einheitliche und homogene Oberfläche bildete. Die Vorderseite erhielt hingegen vorerst lediglich einen mehrschichtigen Grundaufbau für die weiteren Arbeiten.

Nun begann die eigentliche Gestaltung des Wappens. Es sollte sich deutlich vom Grund abheben und wurde deshalb reliefartig aufgebaut. Der Grundaufbau wurde mit etwa 1mm dickem Leder, welches aufgeleimt und zusätzlich mittels kleiner Nägel fixiert wurde, realisiert. Anschließend erfolgte neuerlich ein mehrmaliger Leimanstrich, bis das Leder den Leim kaum noch aufnehmen konnte und durchwegs damit getränkt war. Auf diese Weise wurde nach dem Trockenvorgang die entsprechende Stabilität des Leders gewährleistet.


Die Köpfe der kleinen Nägel sind vereinzelt sichtbar, zudem ist noch die Leinwandstruktur zu erkennen.

Die Grundgestaltung des Wappens mit Leder

Es folgte die Fertigstellung der Vorderseite. Dazu wurden wiederum mehrere Schichten Leimkreidegrund aufgebracht, so dass einerseits das aufgeleimte Leder vollständig mit einer homogenen Schicht bedeckt und andererseits die Leinwandstruktur komplett verschwunden war. Um den stilisierten Adlerflug noch mehr Plastizität zu verleihen, wurde zusätzlich eine Engobage aufgetragen. Diese Arbeit wurde mit einem einfachen Spritzsack ausgeführt. Nach Aufträgen von etwa 10cm Länge war es unerlässlich, sofort eine Versäuberung mit einen Pinsel und Wasser zu machen, um die Kreidemasse besser mit dem trockenen Untergrund zu verbinden, denn erste Versuche zeigten, dass ein rasches Antrocknen einerseits zu einer Rissbildung des Auftrages und andererseits zu einem Ablösen vom Untergrund führen konnte. Mit verschiedenen Schleifmitteln ging es an die Versäuberung bzw. Glättung des Kreidegrundes, um die groben Unebenheiten herauszuarbeiten und den Untergrund für die folgende Vergoldung aufzubereiten.



Detailansicht der aufgetragenen Engobage aus Kreidemasse nach ihrer Versäuberung.

Auf dem rechten Flug sind noch die beim Auftrag entstandenen Unebenheiten zu sehen.

 


Das aufgebrachte Blattgold vor dem "Einkehren".

Neben den chemischen und mechanischen Vergoldungsarten, wird bei den Auflegetechniken, welche zu letzteren zu zählen ist, aufgrund ihres charakteristischen Haftungsprinzips wiederum in zwei grundsätzlichen Gruppen4 unterschieden - der Polimenttechnik und der Anlegetechnik. Die Polimentvergoldung erlaubt es aufgrund ihres speziellen Untergrundaufbaus hochglänzende Oberflächen zu erzielen. Bei der Anlegetechnik wird das Blattgold auf einen zwar oberflächetrockenen aber noch klebefähigen Untergrund aufgebracht. Im Fall des Adlerfluges wurde letztere Technik angewandt. Als Anlegemittel diente Hasenleim, der zusätzlich mit Wasser verdünnt wurde. Nach dem Anschießen wurde das überschüssige Gold mit einem Pinsel entfernt, bzw. versäubert. Diesen Vorgang nennt man "einkehren".

Der nächste Schritt bestand in der Bemalung mit Eitemperafarbe. Blaue Farben wurden meist direkt auf auf die weiße Grundierung aufgetragen, zudem wurden sie grau, schwarz oder mit einem helleren Blau unterlegt5. Angestellte Versuche mit der blauen Farbe auf einem grundierten Holzbrett ergaben, dass die aufgrund ihrer Pigmente sehr dunkel vorliegende Farbe nach dem Anstrich einen beinahe schwarzen Farbton ergab und so zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis führte.


Das Probestück mit den verschiedenen Farbanstrichen:
Ganz rechts der Anstrich ohne hellerer Untermalung - ein fast schon schwarzer Farbton
Mittig und links der gleiche Anstrich  auf der hellblauen Untermalung - ein kräftiges, sattes und leuchtendes Blau

 

Die Arbeit mit Temperafarben erforderten einige Vorsicht bei den einzelnen Aufträgen, da die Farbe durch den neuen Anstrich sehr leicht angelöst werden konnte und bereits deckende Flächen wieder durchscheinend wurden. Um nun einen deckenden und kräftigen Anstrich zu erhalten, war es notwendig, insgesamt 10 Schichten aufzutragen. Probleme ergaben sich allerdings bei der Farbmenge und der komplexen Form des Adlerfluges, wodurch ein schöner und vor allem gleichmäßiger Auftrag fast nicht möglich war, was wiederum zu Schattierungen im Farbton führte. Die Rückseite des Schildes wurde in einem einfachen Braunton ausgeführt, der ebenfalls einen Anstrich von 5 Schichten erforderte.


Untermalung mit hellem Blau.

Fertiger Anstrich mit leichten Schattierungen.

Den Abschluss der Bemalung und Vergoldung bildete ein Anstrich mit Firnis, um den aufgebrachten Farben und dem Blattgold eine "Schutzschicht" zu verleihen. Nach dem Trockenvorgang des Firnis erfolgte die Fertigstellung des Schildes durch das Anbringen von Riemen und Schildfessel.

Die Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Bau des Puchberger Schildes haben dazu geführt einen weiteren Schild in Angriff zu nehmen, an welchem ebenfalls in Relieftechnik - diesmal allerdings auf Rohhaut - gearbeitet wurde. Ein silbernes, steigendes Einhorn auf rotem, gerauteten Grund.

 

1 Nickel Helmut, Der mittelalterliche Reiterschild des Abendlandes, Inaugrual-Dissertation, Berlin, 1958
2 Kohlmorgen Jan, Der mittelalterliche Reiterschild, Karfunkel, Wald- Michelbach, 2002
3 ebenda, S. 141 - 183
4 Kellner Hans, Vergolden, Callwey, München, 2002
5 Tangeberg Peter, Holzskulptur und Altarschrein, Callwey, München, 1989, S. 85